Familienforschung mit DNA-Tests
Wahrheit oder Zeitverschwendung?
„Lass bloß die Finger von solchen Tests! Das ist doch eh alles nur Schwindel und Geldmacherei bei denen!“
Skepsis ist immer gut – die hatte ich anfangs auch. Allerdings unter anderem deshalb, weil ich nicht ausreichend informiert war. Im Zuge dessen möchte ich gerne im Folgenden einige Dinge zur Forschung mithilfe von DNA erwähnen.

DNA-Tests können eine nicht unerhebliche Unterstützung bei der Erforschung der eigenen Familiengeschichte sein. Sie ermöglichen es, unbekannte, noch lebende Verwandte aufzuspüren und dadurch neue Erkenntnisse über die eigene Herkunft und Familiengeschichte zu gewinnen. Über zwei Dinge sollte sich allerdings jeder im Klaren sein, bevor man sich dazu entscheidet, einen solchen Test zu machen:
1. Die genetische Anonymität geht verloren. Bei der Analyse werden sehr persönliche Informationen über das eigene Erbgut untersucht und möglicherweise gespeichert. Vor der Durchführung eines Tests sollte man sich deshalb genau darüber informieren, was mit der DNA-Probe und den daraus gewonnenen genetischen Daten passiert, bzw. welche Personen oder Unternehmen Zugriff darauf erhalten können.
2. Die Ergebnisse können unerwartete Folgen haben. So kann beispielsweise eine bislang unbekannte Verwandtschaft entdeckt werden oder sich herausstellen, dass die bisher angenommene Familiengeschichte nicht mit den genetischen Ergebnissen übereinstimmt. Schätzungen zufolge könnte bei etwa einem von hundert Menschen in Europa ein DNA-Test dazu führen, dass die bisher bekannte Familiengeschichte (zumindest teilweise) neu bewertet werden muss. Solche Erkenntnisse können zwar äußerst interessant sein, gleichzeitig aber auch persönliche und emotionale Auswirkungen haben.
Ist man sich über diese Umstände bewusst und erklärt sich bereit, einen solchen Test durchzuführen, kann es losgehen.
Bei den meisten Anbietern liegen die Kosten für ein Testkit bei ca. 70 bis 100 €. In der Regel erfolgt die Entnahme der DNA-Probe per Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen, oder mithilfe einer Speichelprobe, die in ein kleines Röhrchen gegeben und anschließend per Post ans Labor geschickt wird, wo die Analyse stattfindet. Dort wird das persönliche DNA-Muster mit den DNA-Mustern anderer getesteter Personen verglichen. Je mehr DNA-Abschnitte zwei Menschen miteinander teilen, desto wahrscheinlicher ist eine engere biologische Verwandtschaft.
Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass DNA nicht nach einem einfachen, gleichmäßigen Schema über die Generationen weitergegeben wird. Grundsätzlich erhalten wir etwa die Hälfte unserer DNA von der Mutter und die andere Hälfte vom Vater. Bei der Entstehung von Ei- und Samenzellen werden die DNA-Abschnitte allerdings immer wieder neu kombiniert. Die Vererbung lässt sich deshalb nicht einfach rein mathematisch nach dem Muster „eine Hälfte von jedem Elternteil, ein Viertel von jedem Großelternteil, ein Achtel von jedem Urgroßelternteil“ usw. berechnen.
Durch diese zufällige Neukombination kann ein Mensch von einem bestimmten Vorfahren vergleichsweise viele DNA-Abschnitte geerbt haben, während von einem anderen Vorfahren überhaupt keine Abschnitte mehr vorhanden sind. Je weiter ein Vorfahre zurückliegt, desto größer ist daher die Wahrscheinlichkeit, dass keine DNA mehr von ihm im eigenen Erbgut vorhanden ist. Deshalb liefern DNA-Tests insbesondere bei nahen Verwandtschaftsbeziehungen sehr genaue Ergebnisse. Verbindungen zu Eltern, Geschwistern oder Großeltern können wesentlich zuverlässiger erkannt werden als Verwandtschaften zu Menschen, die viele Generationen zurückliegen.

Je weniger Fortpflanzungsschritte zwei Personen voneinander trennen, desto genauer kann also die gemeinsame DNA zur Bestimmung der Verwandtschaft herangezogen werden. Nach mehreren Generationen erreicht die Methode jedoch natürliche Grenzen. Wenn ein bestimmter Vorfahre keine DNA mehr an die eigene Generation weitergegeben hat, kann auch ein DNA-Test keine unmittelbare genetische Verbindung zu diesem Vorfahren nachweisen.
Darüber hinaus können genetische Analysen Hinweise auf die geografische Herkunft der eigenen Ahnen liefern. Die entsprechenden Ergebnisse sollten allerdings nicht als exakte Bestimmung der eigenen Herkunft verstanden werden.
Wie funktioniert die Herkunftsanalyse?

Das Erbgut ist bei allen Menschen zu ungefähr 99,9% gleich. Lediglich rund 0,1% der DNA unterscheiden sich zwischen einzelnen Menschen. Einige dieser genetischen Unterschiede kommen in bestimmten Bevölkerungsgruppen und geografischen Regionen unterschiedlich häufig vor. Bevölkerungen, die über lange Zeiträume geografisch voneinander getrennt waren, können deshalb bestimmte genetische Besonderheiten entwickelt haben. Bei geografisch benachbarten Regionen bestehen dagegen häufig erhebliche Überschneidungen, da Menschen bereits seit Jahrtausenden wandern und sich miteinander vermischen.
DNA-Anbieter vergleichen die genetischen Merkmale einer getesteten Person mit möglichst vielen Referenzproben aus verschiedenen Teilen der Welt. Dafür werden sowohl moderne DNA-Proben von Menschen verwendet, deren regionale Herkunft möglichst genau bekannt ist, als auch teilweise sehr alte DNA, beispielsweise aus archäologischen Funden.
Eine weitere Informationsquelle bilden andere Kunden, die zusätzlich zu ihrer DNA-Probe einen Stammbaum hochgeladen haben. Gibt es DNA-Übereinstimmungen mit Personen, deren Familien über viele Generationen hinweg in einer bestimmten Region ansässig waren, können daraus zusätzliche Hinweise auf die eigene geografische Herkunft entstehen.
Wie genau sind die Ergebnisse?
Wie zuverlässig die Herkunftsanalyse ist, hängt entscheidend von den Vergleichsdaten des jeweiligen Anbieters ab. Je größer die Vergleichsdatenbank und je genauer die darin enthaltenen Bevölkerungsgruppen regional zugeordnet werden können, desto zuverlässiger kann eine genetische Zuordnung sein. Sind die Vergleichsgruppen dagegen klein oder wenig repräsentativ, fallen die Ergebnisse entsprechend unsicherer aus.
Aus diesem Grund können sich sogenannte Ethnizitätsschätzungen im Laufe der Zeit verändern. Wenn neue DNA-Proben in die Datenbank aufgenommen werden oder Anbieter ihre Berechnungsmethoden verbessern, können sich auch die prozentualen Ergebnisse einer bereits getesteten Person verändern.
Auch die genannten Prozentwerte sollten nicht wörtlich als genaue Abstammungsangaben verstanden werden. Wenn ein DNA-Test beispielsweise einen Anteil von 2% für eine bestimmte Region ausweist, bedeutet dies nicht automatisch, dass tatsächlich 2% der eigenen Vorfahren in den vergangenen Jahrhunderten aus dieser Region stammten. Der Wert beschreibt zunächst die statistische Ähnlichkeit der eigenen DNA mit den Vergleichsgruppen, die der Anbieter für diese Region verwendet. Eine solche genetische Ähnlichkeit kann auch auf Wanderungen und Vermischungen von Bevölkerungen zurückgehen, die bereits viele Jahrhunderte zurückliegen.
Besonders schwierig sind solche Zuordnungen in Europa, weil die Bevölkerungen benachbarter Regionen genetisch teilweise sehr ähnlich sind. So kann beispielsweise einer Person aus Mitteleuropa ein DNA-Anteil mit der Bezeichnung England oder Skandinavien zugeordnet werden, obwohl nachweislich alle bekannten Vorfahren aus dem deutschen Sprachraum stammen. Eine mögliche Ursache dafür ist die starke genetische Ähnlichkeit zwischen Nord- und Westdeutschland, Nordfrankreich, den Benelux-Staaten, Südengland und Südskandinavien.

DNA-Herkunftsanalysen sollten daher in erster Linie als Hinweise und nicht als direkte Beweise betrachtet werden. Vor allem bei kleinen Anteilen von weniger als 10% würde ich persönlich keine umfangreiche Suche nach Vorfahren aus der entsprechenden Region beginnen.
Für die konkrete Erforschung einzelner Vorfahren sind genealogische Quellen in der Regel wesentlich aussagekräftiger. DNA-Tests können die klassische Familienforschung allerdings sinnvoll ergänzen.
