Das Schicksal eines Soldaten
zur Erinnerung an Ernst Semlacher
1926-1945

Heute ist der Gedanke an einen bevorstehenden Krieg gar nicht mehr so abwegig, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. Die Nachrichten sind voll von grauenhaften Bildern und Berichten aus der Ukraine und dem Iran.
Vor rund 80 Jahren marschierten die alliierten Mächte in Deutschland ein und bereiteten dem Zweiten Weltkrieg das lang ersehnte Ende. Viele Söhne und Ehemänner hatten in den vergangenen Jahren ihr Leben in der Verteidigung des Vaterlandes gelassen. So auch der Bruder meiner Großmutter, Ernst Semlacher.
Geboren wurde er am 29. Juli 1926 in München. Da sein ein Jahr älterer Bruder, Josef, bereits als Säugling verstorben war, war Ernst nun der älteste Sohn im Haus. Insgesamt wuchs er mit 7 Geschwistern in der Pflugstraße, direkt hinter dem Isartor, auf. So privilegiert, wie man dort heute lebt, war es der Familie Semlacher nicht vergönnt – ganz im Gegenteil. Seit 1925 erhielten seine Eltern finanzielle Unterstützung von der Wohlfahrt, denn sein Vater, Anton, ein gewalttätiger und cholerischer Mann, versoff lieber das wenige Geld, das er als Scherenschleifer verdiente, als damit seine Familie zu versorgen. Die Mutter, Anna, litt schon seit jungen Jahren an einer offenen Lungentuberkulose, die sie einige Male ins Sanatorium zwang.
Sie war eine liebevolle und tüchtige Frau, an der die Erziehung ihrer Kinder gänzlich hängen blieb.
Ernst hatte schon früh den Wunsch gehabt, später einmal Medizin zu studieren, um seiner Mutter helfen zu können. Auch war er wohl recht talentiert, was das Zeichnen betraf.
Trotz der Fürsorge zu seiner Mutter und seines Talents pflegte er aber oft einen ziemlich rabiaten Umgang mit seinen Geschwistern. Das Prügeln hatte vermutlich von seinem Vater abgefärbt.
Viel ist nicht über Ernst bekannt, bis er 1943 zum Wehrdienst bestellt wurde. Johannes Wutzer, ein Schulfreund und später auch Ehemann seiner Schwester, hatte seiner (damals noch) Verlobten zum Geburtstag ein Fotoalbum geschenkt, in dem er über die Zeit beim Militär berichtet.
„Hellauf jubelte der größte Teil der fleißigen Oberschüler, als man uns zum Schutze der Heimat am 15. Juni 1943 zur Flak holte.“
Der anfängliche Jubel verging den jungen Männern allerdings bald wieder, denn wenige Tage nach der Einkleidung wurden sie in der ersten Stellung in Berg am Laim dermaßen aufgedrillt, dass „die Meisten zum Lachen den Keller aufsuchten.“
Im August 1943 wurde die Stellung nach Trudering verlegt, wo sie schon bald unter Beweis stellen mussten, dass 6 Wochen Ausbildung nicht umsonst waren.
„Obwohl wir nur russische Kanonen hatten, konnten wir den bösen Feind vertreiben.“
Die Freizeit gestaltete sich in Geschützreinigen, Raufen und Schachspielen.
„Oft saßen wir beisammen, träumten vom wirklichen Krieg, von Kämpfen und Auszeichnungen und lebten in der dauernden Angst, daß für uns vom Krieg nicht mehr viel übrigbleiben könnte.“



Im November – erneut an einem neuen Einsatzort in Neubiberg – kam die Mannschaft zwar wieder an deutsche Geschütze, allerdings bedeutete der Standortwechsel auch die Rückkehr zu einem beinahe geregelten Schulunterricht, welcher bedauert wurde. In Neubiberg verlebten sie auch das Weihnachtsfest. Im Januar 1944 trennten sich dann die Wege, denn jeder musste seinen Arbeitsdienst ableisten.
Als auch dieser nach einigen Monaten zu Ende war, hatten Ernst, Hans und deren „Mitläufer“, den sie nur „Binkerl“ nannten, eine kurze Zeitspanne, die sie gemeinsam verbringen konnten. Bereits nach vier Wochen wurden sie jedoch als junge Kriegsfreiwillige zu den Waffen eingezogen. Abermals trennten sich ihre Wege.
„Ab und zu ein kurzer Brief gab Auskunft über Freud‘ und Leid des Kameraden.“
In einer regnerischen Oktobernacht begann für die jungen Soldaten ein neuer Abschnitt ihres Kriegsdienstes. Sie wurden verladen und wenig später an den Rhein verlegt. Ihr Einsatzort lag im südlichsten Bunker des Westwalls, unmittelbar am Dreiländereck in Grenzach-Wyhlen. Nur wenige Meter trennten ihre Stellung von der Schweizer Grenze.
Dort wurden sie bereits von „eisgrauen“ Volkssturmmännern erwartet, die die Stellung bis dahin gehalten hatten. Die Entlastung der älteren Männer war deutlich zu spüren. Endlich konnten sie den gefährlichen Dienst beenden und in ihre Heimat zurückkehren. Die jungen Soldaten glaubten ihnen ihre Erleichterung gern.
Im verlassenen Ort „Weil am Rhein“ war Ernst etwa zwanzig Minuten rheinabwärts im Bunker „Landshut“ stationiert. Er freute sich „wie ein Schneekönig“ über das Wiedersehen mit Hans.
Zu dieser Zeit war die Front in diesem Abschnitt noch vergleichsweise ruhig. „Wenn man Augen und Ohren offen hielt, konnte fast nichts passieren.“ Dadurch ergab sich immer wieder die Gelegenheit, dass sich die beiden sehen konnten. Jeder dieser Besuche war eine willkommene Abwechslung vom angespannten Alltag.
Selbst der Heilige Abend des Jahres 1944 brachte Ernst und Hans einige gemeinsame Stunden.
„Als Zaungäste des Friedens im Angesicht der Basler Lichterpracht dachten wir voll Wehmut an unsere arme Heimat, als die Glocken der großen Stadt um Mitternacht jubelnd Christi Geburt verkündeten.“
Im Januar 1945 verließ die Truppe ihre Stellung. Es war Nacht, und ein eisiger Ostwind pfiff über den Schwarzwald. Während einer Marschpause trafen die beiden Freunde nochmals aufeinander.
Kurz bevor der Marsch fortgesetzt wurde, erzählte Ernst in wenigen Worten, dass seine Mutter gestorben war. Anna Semlacher hatte den Kampf gegen die Tuberkulose mit nur 44 Jahren verloren.
„Verdammter Mist! Mach’s gut. Leb wohl.“ – viel Zeit blieb ihnen nicht. Ein letzter Händedruck und die Kameraden zogen in die Nacht davon.
Es sollte ihre letzte Begegnung sein.

Kurz vor Kriegsende, am Morgen des 31. März 1945, während der sogenannten „Osterkämpfe“, erhielt die 3. Kompanie des Reserveoffiziersbewerberregiments, welcher Ernst als Infanterie-Panzerjäger-Ersatz der Abteilung 48 angehörte, einen klaren Befehl:
Die Kompanie, welche überwiegend aus Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren bestand, sollte vom baden-württembergischen Heckfeld aus durch den Ahornwald nach Hirschlanden vorrücken und dort eine Sperrlinie einrichten.
Zur Erkundung wurde ein Spähtrupp in den Ahornwald entsandt. Der Feldwebel hatte einige Soldaten in Zivilkleidung mit Fahrrädern vorausgeschickt. Da keine Nachrichtenverbindungen bestanden, war die Aufklärung nur eingeschränkt möglich, sodass der Spähtrupp schließlich zurückkehrte und den Wald als feindfrei meldete. Rückblickend hätte eine Erkundung bis an den Waldrand bei Buch am Ahorn oder auf das freie Gelände vermutlich ein genaueres Lagebild geliefert.
Währenddessen rückten amerikanische Truppen in Richtung Heckfeld vor. Als die ersten Panzer mitten im Ahornwald auf die marschierende Kompanie trafen, wurden die deutschen Soldaten völlig überrascht, da sie nicht mit einem unmittelbaren Feindkontakt gerechnet hatten. Die unzureichende Aufklärung erwies sich als folgenschwer.
Mit Infanteriewaffen gegen Panzer kämpfend, nutzten die jungen Schützen jede verfügbare Deckung – darunter Bäume, Holzstapel und Baumstümpfe. Zum Einsatz kamen Panzerfäuste, Maschinengewehre, Gewehre und Handgranaten. Die amerikanischen Panzer nahmen den ersten Zug der Kompanie aus drei Richtungen unter Beschuss. Dabei feuerten sie Sprenggranaten gezielt in die Baumkronen, um durch die entstehende Splitterwirkung möglichst großen Schaden anzurichten. Ein Rückzug oder eine Kapitulation waren unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Der anhaltende Beschuss ließ selbst starke Bäume zerbersten und zu Boden stürzen.
Insgesamt fielen 26 Reserveoffiziersbewerber in diesem ungleichen Gefecht. Lediglich vier Kameraden, darunter der Feldwebel, konnten sich vermutlich über einen nach Osten verlaufenden Graben retten.

Ernst Semlacher wurde, von einer Sekunde auf die andere, mit nur 18 Jahren aus dem Leben gerissen.
Im August 1945 erfuhr Hans Wutzer, dass im Odenwald ein Birkenkreuz die letzte Ruhestätte seines Freundes zierte.
„Sinnloses Opfer eines sinnlosen Krieges. Vielleicht jedoch war das Sterben das bessere Los. Vielleicht ist der Tod nicht so schlimm, wie das Entgegenleben einer vermutlich nicht sehr rosigen Zukunft.“
Im März 1946 fuhr Hans mit Ernsts älterer Schwester, Anna, nach Buch am Ahorn, um das Grab zu besuchen.
„Auf jenem kleinen Soldatenfriedhof im Odenwald reichten wir uns die Hände mit dem ehelichen Versprechen, das kommende Leben gemeinsam zu gehen und nie zu vergessen, dass wir uns dies am Grabe eines Soldaten gelobt haben. Und auf die gleiche Erde, die vor Jahresfrist deines Bruders Blut getrunken, fielen heiße Tränen.“

Am 29. Juli 2026 wäre Ernst 100 Jahre alt geworden. Und obwohl er oft einen rauen Umgang mit ihnen pflegte, haben seine Geschwister ihren großen Bruder nie vergessen. Bis zu deren eigenen Ableben hatten sie immer sein Portraitbild an der Wohnzimmerwand hängen.
